Schützenswert

„Wir haben nicht soviel Fläche zu verschenken!“

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Dietrich Jörger bewirtschaftet mit seiner Familie den Grafenhof in Grafenhausen. Er ist Landwirt und Winzer im Vollerwerb. Als Ortsvereinsvorsitzender und Mitglied des Kreisverbands im Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband vertritt er die Belange der Landwirte in der Ortenau. Im Interview bezieht er Stellung zum Vorschlag einer Neubautrasse an der A5.

 

Herr Jörger, was halten Sie als Vertreter der heimischen Landwirte vom Vorschlag einer Neubautrasse für das 3. und 4. Gleis im Bereich der Autobahn?

Dietrich Jörger Für mich ist das ein Unding, es geht schließlich um 239 Hektar Land, die man dadurch verlieren würde. Und wenn diese Ackerflächen, der Wald und die Wiesen, das ganze Land erst mal verbaut sind, kann man das doch nie wieder rückgängig machen! Für mich ist das ein zu hoher Preis, den wir mit der ohnehin noch geringen verbleibenden Fläche im Rheintal zahlen würden.

 

Wären denn Ihr Hof und Ihre landwirtschaftlichen Anbauflächen konkret von einem Neubau der Bahnstrecke im Umfeld der A5 betroffen?

Dietrich Jörger Ja, wir gehören zu den landwirtschaftlichen Betrieben, die von einem Ausbau der Gleise an der Autobahn direkt bedroht wären. Einige unserer Betriebe hier würde das ganz brutal treffen. Bei uns persönlich geht es um eine Größenordnung von 8 bis 9 Hektar landwirtschaftlicher Flächen, die uns verloren gingen. Das wäre umso bitterer, weil es gute fruchtbare Böden sind. Und wirklich schlimm empfinde ich auch den riesigen Eingriff in die Natur. Wir haben einfach nicht mehr soviel Flächen zu verschenken!

 

„Wertvolle Anbauflächen fallen weg!“


Dietrich Jörger beim Rebenschnitt.

 

Warum ist dieses Land so wichtig für Ihre Region?

Dietrich Jörger Wie bereits erwähnt, es handelt sich ja hier um keine Einöde, sondern um wertvolle landwirtschaftliche Böden, um Wald und um Naturschutzbereiche. Würden die für die Neubaustrecke wegfallen, werden ja dann wiederum weitere Ausgleichsmaßnahmen notwendig. Und das bedeutet für uns Landwirte ganz konkret, nicht nur, dass unsere Anbauflächen und Pachtflächen wegfallen, sondern zusätzlich noch für den gesetzlich notwendigen Ausgleich weiteres Land anderswo dazukommt, was der Landwirtschaft dann auch nicht mehr zur Verfügung steht. Ohnehin sind wir Landwirte von vielen Baumaßnahmen und der Zersiedelung betroffen, ob es um Brückenbau geht oder Umgehungsstraßen – überall werden Land und Flächen zerschnitten.

 

Was befürchten Sie für die Zukunft, sollte die Neubautrasse im Bereich der Autobahn kommen?

Dietrich Jörger Mit einem Neubau sehe ich schwarz für die landwirtschaftliche Zukunft. Er würde zusätzlich zu den gravierenden Landverlusten auch klimatische Auswirkungen mit sich bringen. Kaltluftseen werden entstehen, weil die Luft nicht mehr ungehindert abfließen kann. Für Neukulturen wie Sojaanpflanzungen, auf die wir mittlerweile auch aufgrund der EU-Politik angewiesen sind, würde das klimatisch extrem schwierig. Auch für Getreide oder Mais sind die Prognosen nicht günstig. Aber besonders blutet mir das Herz, wenn ich mir anschaue, wie leichtfertig man damit umgeht, unsere verbleibenden Flächen immer weiter zuzubauen. Besonders absurd ist, dass beim Neubau der Gleise im Umfeld der Autobahn an manchen Abschnitten gerade mal Abstände von 200 bis 300 Metern zwischen den alten Gleisen und den neuen liegen würden. Wenn dann noch der Ausbau der A5 sechsspurig kommt, kann man vielleicht gerade noch Handtücher auf die übrig bleibenden Flächen legen. Und nicht zu vergessen die Querriegel durch die gigantischen Brückenbauwerke, die nötig sein werden.

 

Können Sie die Argumente der Befürworter einer Neubautrasse im Bereich der Autobahn nachvollziehen?

Dietrich Jörger Ja, ich kann sehr gut die Befürchtungen verstehen, dass Lärm durch Güterzüge ein großes Problem für Anwohner darstellt und dass die Lebensqualität dadurch erheblich eingeschränkt werden kann. Allerdings besteht ja gerade die Aussicht beim Ausbau der bestehenden Gleise einen gegenüber der heutigen Situation deutlich verbesserten Lärmschutz zu erhalten. Diese Chance sollte man doch nutzen und nicht meinen, man löst das Problem, indem man es anderswohin verlegt. Und es stört mich auch die Art und Weise, wie wenig sachbezogen argumentiert wird, wie Ängste geschürt werden. Wer in Neubaugebiete gezogen ist, die im Umfeld der Bahnlinie ausgewiesen wurden oder sich entlang der Bahnlinie eine Immobilie gekauft hat, kann schwerlich behaupten, überrascht zu sein vom Ausbau der Bahnlinie, was schon seit Jahrzehnten Thema ist.

 

Wo sehen Sie eine Lösung auch im Hinblick auf die Zukunft der Region und der Menschen?

Dietrich Jörger Ja, das ist schwierig, weil die Region da so unterschiedliche Meinungen hat und die Stimmung mancherorts auch durch mangelnde Bereitschaft mit kühlem Kopf die Sachlage anzuschauen noch verschärft wird. Die Emotionen schlagen da hoch. Und das führt dazu, dass man dem anderen nicht mehr zuhört. Auch wenn dessen Argumente doch wirklich wichtig wären. Man hat den Eindruck, es gäbe die einfache Lösung und die heißt Neubau an der A5. Aber ich befürchte, falls es diese einfache Lösung tatsächlich geben wird, werden sich einige umschauen, die so vehement heute dafür eintreten. Ich würde mir wünschen, dass sich die vom Zuglärm Betroffenen doch einmal auch in Ruhe und mit Augenmaß anschauen, welche Folgen der Neubau für die Ortenau tatsächlich hätte und welche Chancen in einem optimalen Lärmschutz an der bestehenden Streckenführung beim Ausbau der Rheintalbahn für sie liegen.